
Gemeinsame Beprobung eines bandkeramischen Brunnens bei Düren (Rheinland, Löss)
Forschungsziele und Aktivitäten
Auf Grabungen werden häufig pedologische Befunde offengelegt, die in keinem Lehrbuch stehen und die neue Fragen zu Pedogenese und zu Mensch-Umwelt-Interaktionen aufwerfen. Dabei können wechselseitig archäologische wie pedologische Forschungsfragen im Vordergrund stehen.
Als erstes wissenschaftliches Ziel hat sich die Arbeitsgruppe vorgenommen, anhand der umfassenden Charakterisierung archäologischer Bodenreste aus archäologischen Befunden den Status prähistorischer Böden seit dem Neolithikum (Beginn vor etwa 7500 Jahren) zu rekonstruieren. Dabei kommen feldbodenkundliche Aufnahmen, mikromorphologische, bodenchemische und bodenphysikalische Methoden zur Anwendung, im fachlichen Austausch mit Archäologie, Archäobotanik und Anthropologie und weiteren Disziplinen.
- Alljährliches Treffen auf einer aktuellen archäologischen Ausgrabung (Grabungsexkursion)
- Beteiligung an den Tagungen der DBG
- Beteiligung an archäologischen Fachtagungen
- Initiierung und Publikation von archäologisch-bodenkundlichen Forschungsprojekten
- Diskussionsforum zu archäopedologischen Fragen (siehe unten)
Aktuelle Termine
| Datum |
Thema | Ort | Konta |
11.-15.07.2012 |
Farming in the forest
|
Kloster Schöntal,
Germany
|
|
Diskussionsforum: Archäopedologische Phänomene auf Grabungen
In dieser Bildergalerie sollen immer wieder archäopedologische Phänomene aus Grabungen und die daraus resultierenden Fragen vorgestellt und zur Diskussion gestellt werden. Wer etwas zu den Phänomenen weiss oder selbst entsprechende Befunde beobachtet hat, bitte hier melden.
Senden Sie uns ihre Fragen und Antworten oder Fotos zu weiteren Befunden und Beispielen zu, wir stellen sie auf dieser Seite zur Diskussion.
1. Können Bodenbildungsprozesse innerhalb archäologischer Befunde bei der Datierung helfen?
Verbraunung, Lessivierung, Illuviation und Redoximorphose verändern auch die Verfüllungen von archäologischen Befunden. In Parabraunerdelandschaften findet man häufig charakteristische Gefügebildungen und vor allem Färbungen in den Füllungen, nach denen tatsächlich vorläufig datiert werden kann: Neolithisch = schwärzlich-dunkel, deutlich tonangereichert, Metallzeitlich = grau, Römisch = hellgrau, Mittelalterlich/Neuzeitlich = graubraune Füllung ohne Gefügebildung.
Andererseits maskieren intensive pedogenetische Prozesse die Grenzen der Befunde und ehemaligen Verfüllungsstrukturen bis zur Unkenntlichkeit.
Wer hat dazu weitere Beispiele und welche archäologischen Epochen sind davon betroffen?

Dunkle, tonangereicherte Verfüllung einer neolithischen Schlitzgrube. Die oberen Grenzen und Verfüllungsstrukturen sind durch postneolithische Ton-Humus-Illuviation (Bht-Bildung) vollständig überprägt worden. (Düren, Rheinland, Löss)

Obere Verfüllung eines römischen Brunnenschachtes (oberhalb des Grundwasserstockwerkes). Die Verfüllungssedimente haben eine hellgraue Färbung und weisen deutliche redoximorphose Merkmale auf. (Mönchengladbach, Rheinland, Löss)

Nur wenige Meter entfernt auf gleicher Höhe lag ein neuzeitlicher Mergelschacht. Die Verfüllung weist keinerlei pedogene Überprägung auf, die Grundfarben der Einfüllung entsprechen den heutigen A- und B-Horizonten der umgebenden Parabraunerde. (Mönchengladbach, Rheinland, Löss)
2. Gibt es pedologische Hinweise, um "Rätselbefunde" der Archäologie zu erklären?
Nicht alle Gruben- und Grabenstrukturen sind in ihrer Funktion geklärt. Zu den prominentesten Beispielen solcher "Rätselbefunde" zählen u. a. Schlitzgruben und Grubenreihen.
Schlitzgruben sind schmal und tief und auf flächigen Grabungen mit neolithischem Kontext lassen sie sich häufiger in regelrechten Clustern beobachten. Ihr genaues Alter und ihre Funktion ist trotz der einmaligen Merkmale umstritten. Aktuell wird deren Bedeutung im Zusammenhang mit dem Jagdwesen erörtert.

Schlitzgrube, vermutlich neolithisch (Mönchengladbach, Rheinland, Löss)
Die in Mitteldeutschland in den letzten beiden Jahrzehnten auf flächig ausgedehnten Ausgrabungen häufig dokumentierten Grubenreihen ("Pit alignments") dienten möglicherweise der Landgliederung. Die wenigen Funde aus den Gruben deuten auf ein bronze-/eisenzeitliches Alter (ca. 3200-2600 Jahre alt). (Internetseite des Landesamtes Sachsen-Anhalt www.lda-lsa.de, Fund des Monats 2010, T. Schunke: Ein Netz in der Landschaft - das Rätsel der Bronze- und eisenzeitlichen Grubenreihen).
Die Untersuchung von Verfüllungen kann u. a. Hinweise liefern auf die Herkunft des Materials und damit zumeist auf den Zustand der Umgebung: z. B. Dorfnähe, Acker, Weide, Wald.
Geeignete Methoden hierzu sind bodenchemische Analysen und Mikromorphologie.
Mangels archäologischer Funde ist auch das Alter derartiger Befunde umstritten. Hier kann die Anwendung der Lumineszenzdatierung weiterhelfen.
Grubenreihe (bronze-eisenzeitlich) bei Oechlitz (Sachsen-Anhalt, Löss)
3. Natürlicher Boden oder Artefakt?
Begrabene dunkle fBht-Horizonte sind im Rheinland immer mit Grubenbefunden vergesellschaftet. Der Zusammenhang zwischen Horizont und Grube ist nur anhand ausreichend großer Profile erkennbar. Diese Beobachtung hat maßgeblich dazu geführt in den fBht-Horizonten nicht die Relikte einer Schwarzerdevergangenheit zu sehen, sondern vielmehr die Produkte einer prähistorischen Landwirtschaft (siehe Gerlach et al. 2006, Geoderma 136: 38-50).
Wo treten solche Zusammenhänge zwischen begrabenen dunklen Bodenhorizonten und Gruben noch auf?

Unter einem Kolluvium hat sich ein dunkler fBht-Horizont mit aufgehelltem fAl-Horizont am Top erhalten. Der Horizont geht nach einigen Metern in eine Grube (rechts) über, deren Füllung ebenfalls durch einen fAl-fBht-Komplex geprägt ist (Düren, Rheinland, Löss). Markiert sind Probennahmepunkte für die Lumineszenzdatierung.
4. Begrabene prähistorische Böden unter archäologischen Aufschüttungen
Obertägige archäologische Objekte, wie Grabhügel oder Wallanlagen, konservieren die überdeckten Böden zum Zeitpunkt ihrer Bedeckung. Die Analyse begrabener Böden ermöglicht daher die Rekonstruktion des Bodenzustandes zum Zeitpunkt der Überdeckung und ermöglicht somit wertvolle Erkenntnisse zur Bodenentwicklung.

Unter dem neolithischen/bronzezeitlichen Grabhügel von Memleben (Sachsen-Anhalt, Sandlöss) erhielt sich eine humusreiche Braunerde, durch spätere Bewaldung hat sich der Humushorizont fleckig aufgehellt.

Wenige Meter ausserhalb des Grabhügels hat sich auf demselben Ausgangssubstrat bis heute eine lessivierte Braunerde-Fahlerde entwickelt (siehe Klamm/Kainz, Mitt. DBG 110/2, 493-4).
5. Grubenverfüllungen als pedologisches Archiv
Einfüllschichten in Gruben oder Gräben bestehen aus dem verworfenen Oberboden der damaligen Zeit und sind häufig noch mit dem damaligen Unterboden vermischt. Solche Bodenreste - zumal wenn sie tief vergraben und durch jüngere Bodenentwicklungen nicht überprägt sind - eigenen sich hervorragend zur Untersuchung prähistorischer Bodeneigenschaften.

Einfüllschichten in einer neolithischen Grube bei Prießnitz (Sachsen-Anhalt, Löss), bestehend aus dem dunklen neolitihschen Oberboden und dem damaligen Unterboden (helle Einfüllschichten).
6. Stoffverlagerungen und lokale Bodenbildungen unterhalb von archäologischen Befunden
Etliche archäologische Befunde werden durch Stoffverlagerungen (z. B. Oxidationsbänder) oder durch eigene lokale Bodenbildungszonen (Bv-Horizonte) nachgezeichnet. Wie stellen sich solche Phänomene bei unterschiedlichen Böden und Ausgangssubstraten dar? Gibt es zeitlich differenzierte Ausprägungen?
Der helle Streifen in der Mitte des Profils ist das Produkt einer lokalen Pseudovergleyung unter einer ehemaligen römischen Strasse. Der Schotterkörper der Strasse war bereits abgetragen - nur noch wenige Kiese im Ap-Horizont deuteten den Strassenkörper an. Erhalten hatte sich aber die helle, pseudovergleyte Verdichtungszone im Untergrund. Dadurch war die ehemalige Trasse im Grabungsareal auf ganzer Länge und Breite dokumentierbar. (Baesweiler, Rheinland, Löss)
Bänderförmige Eisen-Humus-Verlagerung, lokal ausgeprägt im Bereich eines ca. 5000 Jahre alten neolithischen Grabes. Die Bänder sind nach der Anlage des Grabes entstanden. Deren deutliche Ausprägung deutet auf einen Stofftransport aus einer Auflage (Überhügelung des Grabes?) hin, die heute nicht mehr vorhanden ist. (Osterburg, Sachsen-Anhalt, Sand)

Eine autochthone Verbraunungszone zeichnet die Konturen der schwarz verfüllten bandkeramischen Grube nach. Darunter folgt der unverbraunte Löss. (Düren, Rheinland, Löss)
Detailaufnahme: Verlagerung von tiefschwarzen Ton-Humus-Komplexen in Grobporen und Rissen unterhalb einer neolithischen Grube. (Prießnitz, Sachsen-Anhalt, Löss)

An der Basis einiger Siedlungsgruben innerhalb eines ausgedehnten mehrperiodigen Siedlungsareals wurden helle Kalkkonkretionen festgestellt, die aber keine klassischen "Lösskidl" sind, sondern anthropogen bedingte Kalkausfällungen. Welche Tätigkeiten hat der prähistorische Mensch dort durchgeführt? (Karsdorf, Sachsen-Anhalt, Löss über Schwemmsand)
7. Polygonalrisse: Glazial bis subrezent
Desöfteren sind im Untergrund, aber auch in archäologischen Grubenbefunden, Risse zu erkennen, die mit andersartigem Bodenmaterial gefüllt sind. Denkbar ist eine Erklärung durch Austrocknung, im letztglazialen Löss durch "Gefriertrocknung", in den holozänen Befunden im Zusammenhang mit heissen, trockenen Sommern. Durch das Alter der archäologischen Befunde ergeben sich Hinweise auf das Alter der Strukturen, die die Befunde überprägen und daher jünger sein müssen.
Glaziales Polygonalnetz in Löss der letzten Kaltzeit (Rheindahlen, Rheinland, Löss)

Polygonalnetz in einer bandkeramischen Grube, somit jünger als 7000 Jahre (Düren, Rheinland, Löss)

Polygonalnetz in einem römischen Graben (heller Streifen), somit frühestens vor ca. 1800 Jahren entstanden (Bergheim, Rheinland, Löss)
